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BERLINNOTIZEN ZUR BERLIN BIENNALE

Occupy Gästezimmer

25. März 2012 von Niele Büchner
Abbildung zu
Das Cover der aktuellen Camera Austria schaut in die Neonbeleuchtung des "artists' tent" von Occupy Amsterdam (Foto: AiOA)
Der Occupy-Bewegung geht es, wie der Name schon sagt, darum, Orte zu besetzen. In Berlin hat sie nun einen neuen Raum dafür gefunden: die Berlin Biennale. Bei der Präsentation der aktuellen Ausgabe der Cameria Austria wurden diese Übernahmepläne erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausgabe ist eng mit den Kuratoren der Biennale entstanden und widmet sich der Frage: „What Can Art Do For Real Politics?“ Die Kuratoren scheinen diese Frage ernst genommen zu haben und sehen ihre Aufgabe darin, der Occupy Bewegung „space to reclaim“ zur Verfügung zu stellen. Schon während der Veranstaltung bei der neben Artur Zmijewski, Joanna Warsza und Reinhard Braun (Herausgeber von Camera Austria International) auch zwei Occupy Mitglieder teilnahmen, verlagerte sich das Gespräch schnell auf die Organisation der anstehenden "Besetzung": Bekanntgabe der wöchentlichen Meetings in den KW, die Frage der Kinderversorgung und die Bitte, während der Zeit der Biennale private Unterkünfte bereitzustellen. Die überaus redegewandte Occupy-Frau verstand es dabei hervorragend, Lust auf Occupy und die kommenden, gemeinsam mit der Biennale geplanten Veranstaltungen zu machen.
Nur die Kuratoren der Biennale wirkten dagegen etwas blass. Sie erweckten den Eindruck, als würden sie gerne an der Energie der Bewegung partizipieren. Einer Energie, die sie selbst scheinbar nur schwer entzünden können. Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht. Vielleicht geht es tatsächlich nur darum, wie im Magazintitel schon anklingt, die Biennale als Container für „wirklich“ politische Aktionen zu verstehen. So wie bei Zmijewskis Videoarbeit „Them“ (2007), in der er ein Setting für das Aufeinandertreffen von VertreterInnen verschiedener religiöser und politischer Interessensvertretungen zur Verfügung stellt und auf die Kontroversen wartet, die sich erwartungsgemäß auch einstellen. Auch die Biennale hatte ja bereits ihren Skandal – ausgelöst durch die Buchsammelaktion der Sarrazinbücher durch den Künstler Martin Zet. Nun kommt also die reale Politik dazu. Doch wie "real" ist eine institutionalisierte Occupy-Bewegung noch, wenn sie sich ungestört von Polizeibelästigungen auf das KW-Gelände zurückzieht? Von Besetzung kann im dortigen Gästezimmer jedenfalls kaum die Rede sein. Und warum geht andersrum die Biennale nicht noch stärker an die Orte, an denen Politik gemacht wird? Die Bekanntgabe der Ausstellungsorte KW, Akademie der Künste, Deutschlandhaus, St. Elisabeth-Kirche und weiteren im Stadtraum klingt jedenfalls wenig konfrontativ.
Das eigentliche Problem bleibt: welche Rolle spielt die Kunst in diesem ganzen Prozess? Zmijewski scheint ihr nicht allzu viel zu zu trauen, wenn er sie vor allem in den Dienst der Provokation und der Politik stellt. Zwar gibt er der Occupy-Bewegung eine Carte Blanche, doch sind die Ergebnisse durch das Label Occupy doch vorhersehbarer als es die großzügige Geste im ersten Moment vermuten lässt. Zmijewski institutionalisiert einerseits einen Protest, dessen symbolische Kraft bisher wesentlich darin bestand, den realen Widrigkeiten zu trotzen. Auf der anderen Seite überantwortet er die Kunst einer realpolitischen Logik messbarer Ergebnisse. In Beidem scheint er wenig interessiert am Uneindeutigem und Subtilem. Das ist schade, denn so schließt er einen Großteil künstlerischer Ansätze aus, die zwar politisch sind, jedoch ohne das beständig vor sich hertragen zu müssen.

Kommentare

#1) Am 26. März 01:41 um Uhr von jxnvxrxvz zxck

das ist doch totaler unsinn. zünde mir auf den schokk erstmal einen dicken blunt an und schau mir caspar david friedrich an.

#2) Am 26. März 11:31 um Uhr von auge des betrachters

Wenn sich Occupy an Biennalenbesucher wendet, reden sie zu denen, die ja großteils sowieso schon sympathisieren. Sinnvoller wäre es Occupy Geld und Ressourcen zuzuschustern, mit denen sie Spots im TV senden, Großplakate kaufen, Bücher drucken, Websites erstellen etc. können, und ihnen mit Fachwissen und paar großen Namen bei der Gestaltung beizustehen.

Davon, als Gruppe Occupy nun als Readymade vereinnahmt und im white cube ausgestellt zu werden, hat keine Seite wirklich etwas. Es erinnert eher an Gunther von Hagens oder wie dieser Typ mit den präparierten Leichen hieß.

#3) Am 28. März 12:20 um Uhr von börliner

Andererseits hat Zmijewski im Zitty-Interview angekündigt, er werde auch Künstler mit konträren politischen Positionen ausstellen. Also zum Beisiel den Typen der dieses riesige Jesus-Denkmal in Polen gemacht hat. Solche Leute erreichen dann, im Gegesatz zu Occupy, schon ein Publikum, mit dem sie normalerweise keinen Kontakt haben. Aber mal sehen, wieviel solcher Konträr-Künstler dann tatsächlich zu sehen sein werden.